KI-News KW 34: Copilot-Umbau, EU-Aufpreis bei Mistral und das unsichtbare Wasserzeichen
Es gibt einen Moment, der sich in meinen Trainings fast jedes Mal wiederholt. Wir öffnen gemeinsam das Werkzeug, mit dem ein Team seit Monaten arbeitet — und dann klicke ich auf das Zahnrad. Meistens wird es dann kurz still. Niemand im Raum hat diese Einstellungen je gesehen: nicht, in welchem Land die Daten verarbeitet werden, nicht, wie gründlich das Modell nachdenken soll, nicht, welche Daten es überhaupt sehen darf. Die Diskussion davor ging fast immer um die Frage, welches Werkzeug das beste sei. Die Antwort auf die eigentliche Frage steckt zwei Klicks tiefer.
Die vergangene Woche hat mir das mehrfach bestätigt.
Probier das
Lass dein KI-Werkzeug sein eigenes Gedächtnis schreiben.
Du erklärst deinem KI-Werkzeug vermutlich jede Woche dieselben Dinge: wie ihr heißt, wie ihr schreibt, was es niemals ohne Rückfrage tun darf. Fast jedes Werkzeug hat inzwischen einen Platz für genau dieses Gedächtnis — bei ChatGPT sind das die „benutzerdefinierten Anweisungen" oder die Projektanweisung, bei Copilot ein angeheftetes Notizdokument, bei Agenten-Werkzeugen eine echte Gedächtnisdatei. Die meisten wissen das und schieben es trotzdem vor sich her, weil ein leeres Feld abschreckt. Der Trick: Du schreibst es nicht selbst, du lässt es dir vorschlagen.
„Sieh dir unsere letzten Unterhaltungen an und schlag mir vor, was in dein dauerhaftes Gedächtnis gehört: Fakten über uns, Sprachregeln und Dinge, die du nie ohne meine Freigabe tun sollst."
Das funktioniert, weil das Modell seine eigenen Fehlannahmen zuverlässiger findet als du — es weiß, was es sich in den letzten Wochen zusammengereimt hat. Zwei Ergänzungen machen aus der Notiz eine Leitplanke: Nimm ausdrücklich Sicherheitsregeln mit auf (alles, was das Haus verlässt, braucht eine zweite Freigabe), und setz dir eine Wiedervorlage in vier Wochen. Veraltete Regeln sind schlimmer als gar keine, weil niemand sie mehr hinterfragt. Ein Werkzeug, fünfzehn Zeilen, fertig.
Die 20-Minuten-Inventur gegen Shadow AI.
98 Prozent der Unternehmen haben laut einer aktuellen Auswertung eine KI-Strategie — aber nur bei 39 Prozent steuert die Geschäftsführung den Einsatz aktiv. Gleichzeitig arbeiten rund drei Viertel der Wissensarbeiter bereits mit KI, meist ohne offizielle Freigabe, und 78 Prozent bringen dafür ihre eigenen Werkzeuge mit. Die Lücke schließt du nicht mit einem Verbot, sondern mit einer Liste. Nimm drei Spalten: Werkzeug — wer nutzt es — welche Daten fließen hinein. Frag im nächsten Teammeeting offen danach, ausdrücklich ohne Konsequenz; sonst bekommst du eine schöne Liste und trotzdem nicht die Wahrheit. Gib danach frei, was geklärt ist, und benenne für den Rest eine Alternative — denn wer nichts Freigegebenes findet, nimmt weiter das, was funktioniert.
Was diese Woche zählte
Copilot verliert mehrere Funktionen. Microsoft führt seine beiden Copilot-Apps — die private und die für Microsoft 365 — zu einer einzigen Anwendung zusammen. Seit dem 18. August verschwinden für Nutzer der Verbraucherversion die Gruppenchats, die KI-erzeugten Podcasts, die Experimentierfunktionen der Copilot Labs und die Tiefenrecherche „Deep Research"; auch die Figur Mico wird abgeschaltet, keine zehn Monate nach ihrer Einführung. Wer beruflich zahlt, bekommt als Ersatz für die Tiefenrecherche die Funktion „Researcher" — in der kostenlosen Version fällt sie ersatzlos weg. Der Rollout läuft über Web und Mobilgeräte, Windows und Mac folgen Mitte September; Dateien aus der bisherigen App wandern dabei nach OneDrive.
Die Frage, die ich mir an deiner Stelle stellen würde: Hängt bei euch irgendein wiederkehrender Ablauf an einer dieser Funktionen — eine Wettbewerbsrecherche, ein Monatsreport, eine Abstimmungsrunde im Gruppenchat? Genau solche Routinen sterben leise, weil niemand sie als Software wahrgenommen hat. Schau nach, ob jemand in deinem Team eine dieser Funktionen regelmäßig genutzt hat, und sichere die Inhalte, bevor sie unerreichbar werden. → TechCrunch · → GeekWire
Bei Mistral ist die Verarbeitung in Europa ein Aufpreis, kein Standard. Beim französischen Anbieter kannst du seit Kurzem pro Anfrage festlegen, ob sie in Europa oder in den USA verarbeitet wird — über sogenannte regionale Endpunkte, also getrennte Zugangsadressen je Region. Das kostet zehn Prozent mehr als der Standardzugang, der keine Ortsgarantie gibt. Ein zusätzlicher Tarif, der Anfragen bei Andrang vorzieht und eine Verfügbarkeit von 99,5 Prozent zusichert, kostet das 1,75-fache und ist nur per Vertrag zu bekommen.
Wichtiger als die Preise ist das Kleingedruckte: Regional läuft im Wesentlichen der einfache Modellaufruf — Agenten, Massenverarbeitung und Dateiablage fehlen an den regionalen Adressen, und Kontodaten, Zugangsschlüssel, Abrechnung sowie Nutzungsstatistiken dürfen weiterhin außerhalb der gewählten Region verarbeitet werden. Wer „europäischer Anbieter" liest und „unsere Daten bleiben automatisch hier" denkt, liegt also daneben; dieselben zehn Prozent verlangt übrigens auch Microsoft für seine europäische Azure-Variante. Prüf in deinem KI-Vertrag, ob ihr die europäische Verarbeitung tatsächlich gebucht habt — oder nur einen Anbieter mit europäischem Namen. → The Decoder
KI-Texte tragen jetzt ein unsichtbares Wasserzeichen — deine Kennzeichnungspflicht ersetzt das nicht. Seit dem 2. August gelten die Transparenzregeln des EU AI Act: KI-erzeugte Inhalte müssen als solche erkennbar sein. Anthropic hat dafür als erster großer Anbieter eine Kennzeichnung direkt im Modell eingebaut. Sie funktioniert nach dem Vorbild von Googles SynthID: Bei der Wortwahl wird ein statistisches Muster eingewebt, das kein Mensch sieht, das aber maschinell nachweisbar bleibt — auch nach Kopieren und leichter Überarbeitung. Wer einen Text vollständig umschreibt, entfernt es wieder. Neue Modelle tragen es von Anfang an, ältere sollen bis Dezember nachgerüstet werden; rund 190 Anbieter haben den zugehörigen EU-Verhaltenskodex unterzeichnet, bei Verstößen drohen bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des Jahresumsatzes.
Die Frage ist damit nicht mehr, ob man KI-Texte erkennen kann, sondern wie ihr eure eigenen kennzeichnet — denn das Wasserzeichen des Anbieters nimmt dir deine Kennzeichnungspflicht nicht ab, und ein fehlendes befreit dich ebenso wenig davon. Klär in deinem Marketing und deiner Kundenkommunikation, welche Textarten ihr wie ausweist, bevor euch jemand anderes die Frage stellt. → t3n · → Anthropic
Ein Spitzenmodell mit einer absurden Werkseinstellung. Alibaba hat Qwen3.8-27B frei verfügbar veröffentlicht: ein Modell, das man selbst betreiben darf, klein genug für einen gut ausgestatteten Laptop, und es liest gleichzeitig sehr lange Dokumente. Simon Willison hat es genau dort ausprobiert — mit ernüchterndem Ergebnis: Weil das Modell ab Werk auf der höchsten Denkstufe läuft, brauchte es für eine einzige einfache Zeichenaufgabe 21 Minuten. Mit reduzierter Denkstufe wurde es sofort brauchbar.
Bemerkenswert ist hier weniger, dass ein frei verfügbares Modell auf dem Laptop läuft — das ist inzwischen Alltag —, sondern dass eine einzige Voreinstellung des Herstellers den Praxistest fast ruiniert hätte. Wenn bei euch jemand lokale Modelle prüft, lass ihn zu jedem Versuch Denkstufe und Laufzeit mitschreiben, sonst vergleicht ihr am Ende Einstellungen statt Modelle. → Simon Willison · → Heise
Und eine Zahl, die nicht ins Muster passt. Google Cloud und MIT Technology Review Insights haben 300 IT- und Datenverantwortliche befragt: Im Schnitt haben KI-Systeme Zugriff auf 45 Prozent der Unternehmensdaten. Bei den Nachzüglern sind es 30 Prozent oder weniger, bei der Spitzengruppe über 70. Und nur etwa die Hälfte der Befragten vertraut den Entscheidungen ihrer eigenen KI-Assistenten — in der Spitzengruppe sind es hundert Prozent.
Hier hilft keine Einstellung: Vertrauen entsteht nicht durch einen Haken im Menü, sondern durch die mühsame Arbeit daran, dass die richtigen Daten überhaupt erreichbar sind. Schreib dir die drei Datenquellen auf, die dein wichtigster KI-Anwendungsfall eigentlich bräuchte — und dahinter jeweils den Grund, warum er sie heute nicht hat. → MIT Technology Review
Zum Schluss
Vier der fünf Meldungen drehen sich um dieselbe Frage: Wer hat eigentlich die Voreinstellung gesetzt? Bei Microsoft verschwindet etwas, das du nicht abbestellt hast. Bei Mistral kostet die richtige Einstellung zehn Prozent Aufpreis. Bei Qwen kostet die falsche 21 Minuten. Und wo im Unternehmen niemand eine setzt, setzt sie derjenige, der am schnellsten ein Werkzeug findet.
Die fünfte Meldung passt bewusst nicht dazu — und ist vielleicht die wichtigste. Datenzugang lässt sich nicht einstellen, sondern nur erarbeiten. Voreinstellungen zu prüfen ist die Arbeit einer Stunde. Alles andere bleibt die Arbeit eines Jahres.
Öffne diese Woche einmal die Einstellungen des KI-Werkzeugs, das du am häufigsten nutzt, und schau dich zwei Minuten um. Was du dort findest, überrascht dich vermutlich mehr als die Schlagzeilen der Woche.
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